Die Schmerzen
haben ein Ausmaß jenseits der Worte angenommen. Es ist, denke ich, wie bei physischer Folter. Der eigene Tod als Erlösung, nicht gewünscht, weil man sein Leben nicht lieben kann, nicht, weil man sich vor Verantwortung drücken möchte oder schwach ist; die Art und Intensität der Angriffe hat sich in einen Furor gesteigert, der einen dermaßen beugt, dass man sich nach finalen Auswegen sehnt.
Wenn ich da lebend rauskomme, dann schenke ich Euch was Immaterielles. Aber die Chancen standen schon mal besser.
Wie soll man das erklären? Versuche, die vielen Kleinigkeiten zu beschreiben, scheitern. Die Jahre, summiert unter jedesmal erneut zerschmetterter Zuversicht, dass es jetzt so weit gewesen ist: dass dies der letzte Schlag in die Magengrube war, sie es endlich verstanden hätte.
Gleichzeitig das Unvermögen, zu beschreiben, was da eigentlich passiert. Mit wie vielen anderen Menschen habe ich um Worte gerungen.
Es gibt sie nicht, in diesem Fall.
Die Brutalität ist jenseits der Sprache. Ich weiß nicht, was Hanna Arendt gemeint hat, den Kontext kenne ich nicht. Aber das Banale an diesem unsäglich Bösen ist seine Maske, die, so perfekt einstudiert, immer wieder eine Unschuld suggeriert, die Hoffnung, die man ihr gegenüber hegt wie ein Spiegel zurück wirft, und einen glauben macht, in ihr wären auch zarte Gefühle vorhanden, Mitgefühl, eine gewisse Naivität, Vertrauen und ja, sowas wie Liebe. Diese Reflexion, die einem immer wieder das Gefühl aufdrängt, dass da etwas schlummert, etwas Zugewandtes, Verbindendes, das man nur wecken müsste, mit Freundlichkeit und Worten und Inhalten des Verständnisses, das man nur befreien müsste in ihr; dass man ihr unrecht tut, so richtig, wenn man sie zurückweist, endgültig, weil dann ihre Chance zu Wachsen verschwunden sein wird.
Wenn man sich opfert, wenn man ein Lied singt ‚Vertrau der Ewigkeit, wir gehen den Weg zu zweit.‘ und sie sagt ‚Spiel das auf meiner Beerdigung.‘ aber man ja nicht sie meint, mit ihr will man keine Ewigkeit, keinen Weg zu zweit, der Weg zu zweit ist ein Weg den man mit wem gehen möchte, den man sich ausgesucht hat, nicht wem, der einem zugeteilt wurde, warum sie das nicht sehen kann, dass man diese Rolle nicht mehr einnehmen will?
Dass man das ausspricht, und den Anderen, denen man das auch sagt, dass man nicht vorhat, diese Rolle einzunehmen mitteilt, dass man denkt, sich aus dem Leben davon stehlen zu müssen, weil die Attacken zu massiv geworden sind, weil man hofft, die Anderen stellen sich vielleicht mal schützend vor einen, nicht nur wenn keiner herschaut, nein, wenn alle da sind, wenn es hart ist und wirklich helfen würde, aber die Anderen sagen dann ‚Du willst diese Rolle nicht? Was willst Du dagegen tun?‘ und ja, dann weiß man, man ist Sklave und es gibt viele von uns, heutzutage noch mehr, weil keiner es merkt, unsere Leben sind zu bequem, gefüllt mit Dingen und haufenweise Zeug, dass uns davon ablenkt, erfolgreich, dass wir Verkaufte sind, für einen Spottpreis hergegebenes Fleisch mit Herz und Gefühlen.
Und wenn man die Rolle nicht einnehmen will, die einem da aufgetragen ist, und die der nächsten Generation wieder entgegen kommt, der nächsten Generation, die so ist wie sie, das weiterträgt, was sie ausmacht, dann stolpert man; und man merkt, dass es ihnen lieber ist, man ist tot und begraben, geht in die Ewigkeit alleine rein, als dass man seine eigene Stimme hätte finden dürfen, und sie in weiterer Folge benutzen. Das darf nicht geschehen, das ertrügen sie nicht, und dann merkt man, dass man Skrupel hat, denn es war schlimm, man hat ihnen sicher auch weh getan, man liebt sie doch, sieht das Zarte, das irgendwo schlummert, glaubt man, und dann kann man nicht schlafen, weil die Augen vom Weinen so aufgequollen sind, dass sie fürs Schlafen zu sehr weh tun.
Dann fällt einem ein, dass viele, so viele Menschen versucht haben, Worte zu finden, für die Auswirkungen der kleinen Angriffe und ihrer zerstörerischen Summe. ‚Ich musste weg, ich habe solche Magenprobleme bekommen.‘ wir ringen um eine Beschreibung, einzig, sie ist nicht möglich. Das Komplexe in Einzelteile zu zerlegen, womit die Chance auf Lösung des Problems steigt. Aber wie kann man das Banale, das fast wie etwas Basales nicht mehr zu dividieren ist, weil es eine Nullsumme in sich trägt, wie kann man das auseinander fädeln? Es tut nicht nichts, ist fleißig und hat so viele Masken der Zuwendung, und doch kann man es nicht greifen, das Positive ist nur Attitüde. Da ist keine Eigenschaft, die genuin wäre. Nicht so was wie ‚Du magst blau und lachst gerne über Slapstick.‘ Es gibt auch kein Lachen, es existiert einfach nicht. Fehlende Attribute, Fähigkeiten ohne Anker. ‚Du kochst gut.‘ wird zu einem Gefühl, dass man eigentlich immer nur Bauchweh bekommt, und bekommen hat, und dann das. Das Gefühl kickt rein, dass man ihr unrecht tut, dass man falsch liegt und ist, man selbst das große Problem, man hat es schließlich schriftlich, ist der faule Apfel, die Fehlstelle, die man rauskristallisieren müsste, an den Rand, damit das Gefüge endlich noch härter werden kann, bis es, spröde und unbearbeitbar geworden, zerbröselt. Und dann schreien wieder alle um Hilfe.
Aber man weiß es ja.
Man braucht einen, das System braucht die eigene Seele als Kristallisationskeim, der sanft eindringt in den Sinn der Lage und immer wieder das System zum Glühen bringt, damit es nicht zu hart wird, damit man weiterarbeiten kann daran, es biegen und formen. In guten System gibt es diese Rolle auch, die Anführerin nimmt sie ein, sie hat die gesamte Verantwortung und deswegen ist sie nicht hart, sie ist bestimmt, nicht kalt sondern mit dem Wissen ausgestattet, dass sie jeden Beitrag als Feedback verwenden kann, sei er auch noch so unerklärlich, zuerst. Nur es muss mehr sein als Kalkül, der Beitrag darf nicht aus Berechnung passieren, die Anführerin erkennt den feinen Unterschied blind. Ist es ein Störgeräusch, einzig dazu da, vom Banalen abzulenken, das sich im Inneren von manchen Leuten so gähnend ausbreitet, dass sie zu stehlen beginnen, zu saugen, an jenen, die dem Lärm der Leere entsagt haben?
Wenn das System nicht weiß, was Führung bedeutet, in diesem Sinne, Leitung und Anfeuerung, dann sucht es immer wieder den Einen, dem man alles umhängt, alles an Chaos und negativen Gefühlen, bis der wiedermal laut implodiert und das System eine nächste Kernschmelze erreichen kann und sich als neu formbar beweisen, zum Wachstum angeregt.
Wer Brennstäbe in Reaktoren tauscht, hat mir heute beim Kochen abends ein Freund erzählt, der verdient wirklich sehr viel Geld, man macht das once in a lifetime. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber dass ich aktuell kein Geld mehr am Konto habe obwohl ich jeden Tag circa 20 Brennstäbe tausche, das muss sich ändern. Ich bin nicht mehr bereit dazu das gratis zu machen. Es saugt mich dermaßen aus, der Prellbock zu sein, das ewige Opfer in diesem Kampf um Deutungshoheit, ich werde das nicht länger hinnehmen.
‚Was willst Du denn dagegen tun?‘ die Worte klingen mir im Ohr, ihren Tonfall hört ihr nicht, das Mitschwingende schon gar nicht, aber ich sage euch, es war nicht neutral & neugierig gemeint, es war mehr ein Urteil. ‚Du kannst nichts dagegen tun.‘
Diese Herausforderung nehme ich an.