Über ‚the Thicket‘ von Leo Peschta
Die Zeiten ändern sich. Diese Revolution ist eine, mit der man so nicht rechnen konnte, sie kommt nicht von unten, sie kommt von Innen.
Vielleicht ist das gar nicht schlecht. Vielleicht ist das eine Chance. Nicht die Krise als Chance sondern der Verlust der Sicherheit als Chance.
Was wir verlieren, es ist unzählbar. Die Vielfalt der Arten, in gewissen Grenzen berechenbare klimatische Vorhersagen, Jobs, physische Grenzen der Distanz sind vaporisiert, Religionen implodieren langsam oder mit Ansage, psychische Abweichungen befähigen die zukünftigen Generationen anscheinend auf ein mal, statt sie zu limitieren, das Echte wird schwer vom Falschen zu unterscheiden und gewinnt im selben Atemzug an immenser Bedeutung, das ewige Dilemma ist plötzlich eine gemeinsame Konstante: Reden wir überhaupt über ein und dieselbe Realität?
Was bedeutet das Wort Wald für Dich, was entstehen in mir für Bilder wenn Du es aussprichst, wie ist Dein Tonfall, hast Du schon einen ähnlichen Urwald gesehen wie ich ihn erlebt habe, warst Du in einen geflüchtet, hast Du einen brennen sehen? All das färbt Dein Wort, und wir werden mit den Worten viel bedächtiger umgehen, da bin ich mir sicher, als wir das jetzt tun, weil sie mit Bedeutungen aufgeladen werden, die wir heute nur erahnen können. Sie müssen noch viel präziser werden, vor allem muss ich mir im Augenblick wo ich eines ausspreche, meinen Mund verlassen lasse klar sein, dass ich wirklich dieses Wort meine, das ich da sage.
Wir haben uns auf die Bilder verlassen, das war sowieso eine gefährliche Angelegenheit, nun ist es fahrlässig. Was wir nicht selbst erleben, mit den Händen und dem Geist im Moment berühren, ist nicht mehr sicher. Die Unterscheidung, ob uns jemand belügt, ob ein Handschlag zählt oder wir betrogen werden wird essenzieller den je.
Das wird auch die Politik betreffen, mehr als wir ahnen. Natürlich gibt es jetzt die einfache Lösung: Wir wenden uns alten, simplen Methoden zu, die immer schon Funktionen erfüllt haben, das Leben vom eigenen Denken und Verantwortung übernehmen zu befreien. Wir finden Sündenböcke, Ausländer, Inländer, Reiche, Arme, Schöne, Lustige, Langsame, Schnelle, bunte oder braune, nur das ist nicht des Rätsels Lösung und auch leider schon zu klar, es steht an zu vielen Wänden geschrieben, als dass man es wirklich noch gut verbergen könnte, deswegen fangen seltsame Typen Kriege an, sie hoffen, die Wände zum Einsturz zu bewegen, einzig, das ist wie ein Krieg gegen Ameisen. Es sind zu viele. Vergesst es.
Das ein ellenlange Einleitung an Gedanken, die ich mir in der letzten Zeit so gemacht habe, wegen einer Serie an Kunstwerken, die Leo Peschta sich ausgedacht und gebaut hat.
Künstler werden ja immer gefragt, was ihre Kunst bedeuten soll: was meinen Sie denn damit? Picasso hatte dafür eine sehr aussagekräftige Antwort, aber Leo Peschta ist nicht der Typ für offen ausgetragene Aggressionen. Schaden würde es ihm nicht, denn was er baut, ist gerade etwas, dass man mal in Stille hinnehmen sollte, um das, was es auslösen kann, selbst zu denken, in seinen Gedankenstrom aufzunehmen, in dem man lange genug wahrgenommen hat, was sich da vor einem bewegt zur Musik, die vorrangig Geräusch ist, deren Schönheit in ihrer mathematischen Struktur begründet liegt. Wäre ich ähnlich begabt, in der Herstellung einer über das zeitgenössische relevante hinausweisenden Kunst, ich würde mit einer Gegenfrage antworten. ‚Wie lange hast Du schon zugeschaut?‘ ‚Was denken Sie?‘ ‚Welche Gefühle löst es in Dir aus, das zu betrachten?‘
Der Titel des Werkes ‚das Dickicht‘ ist wie eine Wegmarkierung auf einer Wanderung - hier geht es weiter, Du bist am richtigen Pfad.
Wir sind ein System auf diesem Planeten, die Natur ein Teil von uns, die Technik entstanden, um dem Schrecken dieser wahllosen Sortierung, wenn es denn so ist, ein Stück weit zu entkommen.
Von der anderen Möglichkeit, dass es vorbestimmtes Schicksal ist etc. etc. möchte ich hier nicht schreiben, das ist Privatsache, wie man darüber denkt, und auch nicht weiter relevant, für meine Gedanken.
Dieses Gebüsch zu betrachten löst innere Ruhe aus, das permanente Hintergrundrauschen, dass uns alle betrifft, die wir in einer beliebigen Großstadt existieren, wird synchronisiert mit perfekten Quadraten aus Transparentpapier, die auf dünnen Halmen montiert sind. Seltsam beseelt stehen sie da vor einem, es ist, als würde man in eine Synchronizität eintauchen, die uns allen bekannt ist, für die es jedoch keine Worte, keine Theorie gibt und von der keine wissenschaftlichen Schriften exisiteren.
Mir fällt Hilma af Klint ein, die in eine spiritistische Welt tauchte, kurz bevor moderne Formen der Kommunikation entstanden, die ihre Sicht auf diese Zwischenwelt nicht unbedingt vorwegnahm aber doch antizipierte.
Mit Leo Peschta‘s Arbeit verbinde ich etwas ähnlich Hellsichtiges. Die künstliche Intelligenz, gerade in aller Munde ob der potentiellen Gefahren, agiert auf komische Weise synchron und doch wirkt es persönlich, manchmal als gäbe es ein echtes Gegenüber. Das ist mit diesen Zufällen des Gleichklanges ähnlich, im realen Leben. An verschiedenen Enden der Welt tauchen zum fast nämlichen Zeitpunkt fast idente Gedanken aus dem Void. Warum? Sind wir alle verbundener, als wir meinen, wie manche spirituellen Richtungen uns glauben machen wollen, oder sind wir vielleicht einfach geistig alle schon drei Millisekunden vor unseren Gedanken vor Ort, in einer Zukunft, in der es anders wird, als jetzt; gleichzeitig natürlicher, viel mehr Flow und wortlose Übereinkunft auf die nächste Bewegung? Nicht als kritische Masse, sondern als eine Gemeinschaft neben vielen anderen Gemeinschaften?
Ohne übergriffig sein zu wollen befürchte ich, dass ich gerade sehr viel interpretiere, aber ich bin keine konzessionierte Kritikerin, ich schreibe, was ich zu dem Gebüsch denke und fühle, wahrnehme und glaube.
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Es ist eine großartige Arbeit, soviel steht fest, ich hab nur ein Video ohne Ton, leider, da ich stattgefundene Gespräche nicht rausfiltern möchte, obwohl das mit der neuen Technik vielleicht sehr einfach wäre. Am besten ist womöglich eh, man wäre vor Ort, stünde davor, ginge dazwischen herum, so möglich, und ließe die Kunstwerke und den Moment auf sich wirken.
Ich gehöre nicht zu diesem Stamm, dem Leo Peschta angehört, der clean und minimalistisch, technisch perfekt und irgendwie zart seine Sicht der Dinge wiedergibt. Mein Stamm ist viel derber, wir gehen in Höhlen, streiten laut und graben mit schmutzigen Fingern in der Erde. Wir malen mit grellen, pastelligen oder glitzernden Farben Schicht über Schicht, Blut und Tränen, bunte Lichter, alles kein Problem.
Manchmal denke ich, alten Geschichten sind auch Vorwegnahmen, sich zu finden. Den Leo Peschta verorte ich so Richtung Elfenkönig, mich find ich bei Shrek Teil 2.
Wenn wir vielleicht alle ein bisserl mehr innehalten und zulassen, dass es kein Richtig & Falsch gibt im Ausdruck, der Lebensenergie und der Wahrnehmung Nuancen immanent sind, dann ist es möglich, dem Künstler Tribut zu zollen, die zeitlose Eleganz zu würdigen, das in eine kommende Zeit Weisende zu erkennen, ohne was anders in den Vordergrund rücken zu müssen, wie monetäre Ausrichtungen, die unsäglichen Fragen ‚Was soll das denn bedeuten?‘ und nicht auf das Trennende achten, sondern darauf, dass es um Gemeinschaft geht, die man sich selbst aussuchen kann und darf.
Das soll Kunst.
Einen Moment schaffen, der geistige Türen öffnet. Damit dann, when the winds of changes shift, etwas einen Anker wirft, eine Erinnerung, vielleicht nur an ein Gefühl, aber etwas das genügt, einen den nächsten Schritt mutig wagen zu lassen, in eine Zukunft die keiner kennt aber wir alle vielleicht schon ein bisschen erahnen können.